Geschichte des Klosters Arnsburg

aus http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Arnsburg, 11.09.2007

 

 

Vorgänger

 

Am römischen Wetteraulimes entstand um 90 n. Chr. ein befestigtes Kohortenkastell auf einer Hochfläche über der Mündung des Welsbaches in die Wetter. Mit der Aufgabe des römischen Limes 250/260 wurde das Kastell Arnsburg dem langsamen Verfall preisgegeben. In der Folgezeit besiedelten Franken die Wetterau und in der Nähe des verlassenen Kastells entstanden nacheinander zwei Burgen: Eine kleinere im Nordwestteil des späteren Klosters Arnsburg, die in die Zeit um 800 datiert wird und deren letzte Reste noch 1834 erwähnt wurden [1] und eine zweite, deren Entstehung um 1000 angesetzt wird. Diese entwickelte sich in vier Bauabschnitten bis 1151. Das Gelände des ehemaligen Kastells gehörte, wie umfangreiche Ländereien im Tal der Wetter, zur Burg Arnsburg.

Der erste Burgherr und Reichsministeriale Kuno von Arnsburg, Gefolgsmann Kaiser Heinrichs III., heiratete 1064 Gräfin Mathilde von Beilstein. Ihre Tochter Gertrud von Arnsburg ehelichte Eberhard von Hagen aus der Dreieich. Beide wählten als Wohnsitz die Arnsburg und nannten sich fortan von Hagen und Arnsburg. [2]

Ihr Enkelsohn Konrad II. und seine Frau Luitgart stifteten 1150 auf dem Gelände des ehemaligen Kastells unweit ihrer Burg das Benediktinerkloster Altenburg, das zur Abtei Fulda gehörte. Als Ausgleich erhielten sie von Fulda 1151 den unbesiedelten Münzenberg und verlegten nach 1156 ihren Stammsitz in die dort neu errichtete Burg. Ihr im selben Jahr geborener Sohn Kuno I. nannte sich als erster der Familie dann von Münzenberg.

Die Mönche benutzten mit Duldung der Eigentümer zum Bau ihrer Klosterkirche sowohl Material aus dem Kastell als auch nach 1156 aus der nun verlassenen Burg Arnsburg, die dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Bereits 1174 endeten jedoch die Baumaßnahmen am Kloster und es wurde aufgelöst.

 

 

Gründung

 

Nur wenige Monate nach dem Abzug der Benediktinermönche übergab Kuno I. von Münzenberg die Reste seiner Stammburg Arnsburg samt Ländereien dem Kloster Eberbach zur Neugründung eines Zisterzienserklosters in der nahen Flussniederung. [3]

 

Kuno I. von Münzenberg handelte mit der Berufung eines Zisterzienserkonvents in die Wetterau zeitgemäß. Die Epoche für neue Benediktinerklöster im hessischen Raum war vorüber, Klostergründer wandten sich den neuen Ideen der Reformorden zu. Neben den Erzbischöfen von Mainz traten zunehmend Ministerialengeschlechter als Gründer in Erscheinung. Dabei nahmen die Gründer nicht mehr das seit der Kirchenreform des 11. und frühen 12. Jahrhunderts heftig bekämpfte weltliche Schutzrecht für das Kloster in Anspruch, sondern übertrugen es dem zuständigen Bischof. Zisterzienser, Augustiner und Prämonstratenser beanspruchten grundsätzlich Vogtfreiheit[4] Kuno I. entschied sich für die Zisterzienser. Am 16. Juli 1174 fand auf Burg Münzenberg eine Versammlung statt, bei der er die Stiftung feierlich an Abt Gerhard vom Kloster Eberbach übergab und den Zisterziensern auch das Gelände seiner ehemaligen Burg Arnsburg mit den zugehörigen Kastellresten und dem begonnenen Kirchenbau der Benediktiner übereignete. In der Stiftungsurkunde wurde die Unabhängigkeit der Zisterzienser vom Stifter als gewährleistet festgestellt. Dem Stifter oblag lediglich die Schirmherrschaft (tutoris ac provisoris) über das Kloster[5]. Kaiser Friedrich II. stellte Kloster Arnsburg 1219 auch lediglich unter seinen Schutz (defensio), ohne irgendwelche Privilegien zu fordern. Diese verbriefte Vogtfreiheit führte später immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Obrigkeit und Konvent. Trotz des anfänglichen Eifers kam die eigentliche Gründung des zweiten Klosters aber auch nicht recht voran. Warum die Besiedlung mit Mönchen erst 1197 geschah, ist nicht schlüssig zu begründen.[6]

 

 

 

 

Besitz

 

Angeführt von ihrem Abt Mengot zogen die Eberbacher Mönche 1197 in Arnsburg ein. Bereits mit der Stiftung 1174 erhielt das Kloster eine umfangreiche Dotation von 710 Morgen Land, wovon 150 Morgen in unmittelbarer Nähe lagen, der größere Teil aber weit verstreut bis Mainz und Frankfurt.

 

Zum Ende des 14. Jahrhunderts bezog das Kloster Einnahmen aus 270 Orten und besaß zusätzlich eigene Höfe unter anderen in Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen, Gießen, und Wetzlar, in denen es seine landwirtschaftlichen Produkte vermarktete. Bei der Ausweitung des Besitzes spielten Folgestiftungen frommer Familien, die sich eine Grabstätte im Kloster gewählt hatten, eine wesentliche Rolle. Hervorzuheben ist hier die Familie der Herren und Grafen von Hanau, die hier ihr Erbbegräbnis einrichtete und Seelenmessen bestellte. Sie war direkte Teilrechtsnachfolgerin der Stifterfamilie.[7] 1324 stiftete Angelus von Sassen aus Friedberg, in seinen letzten Lebensjahren Mönch in Arnsburg, einen Altar und bedachte das Kloster in seinem Testament mit ausgedehnten Liegenschaften in der Wetterau. 1367 ließ Bischof Rudolf von Verden, eine Grabkapelle im Kloster erbauen und stattete sie reichlich mit Geld, Landbesitz und Gebäuden aus.

 

Der wachsende Arnsburger Wohlstand gründete auch auf der wirtschaftlichen Tüchtigkeit der Zisterzienser. Das von ihnen voll entwickelte Konversen-Institut, die Einbindung von Laienbrüder in Wirtschaft und geistliches Leben der Klöster, ermöglichte es, die klösterliche Wirtschaft erfolgreich umzugestalten: Zentrale Güter- und Einkünfteverwaltung, selbständige, von Konversen bewirtschaftete Betriebseinheiten (Grangien und Kurien) mit der Aufgabe, Überschüsse zu erwirtschaften und sie in den Städten zu verkaufen waren zentral für das Konzept[8]

 

Die Mönche waren nicht nur erfolgreiche Baumeister, sondern auch meisterhafte Landwirte: Sie bauten ertragreichere Getreidearten und Obstsorten an und errichteten Höfe, wie Kolnhausen, Hof Güll, Wickstadt und den Pfaffenhof zu Eberstadt. Ihre vorbildliche Landwirtschaft wird in einem großen Ackerbuch dokumentiert, 780 Pergamentseiten stark, auf denen jedes Grundstück vermerkt ist und das von Emsdorf nördlich von Kirchhain bei Marburg bis Geinsheim am Rhein reicht.[9] Bis zur Aufhebung des Klosters 1803 schwanden allerdings diese Besitzungen durch äußere und innere Wirren, sodass ihr Umfang wieder etwa auf das Ausmaß der Klostergründung schrumpfte. „Noch jetzt gehören zum Klostergut gegen 700 Morgen Landes“ ist in einer Schrift aus dem Jahr 1834 zu lesen. [10]

 

 

 

Rechte

 

Mit dem Besitz der Arnsburger Zisterzienser wuchsen gleichermaßen auch die ihnen zuerkannten Rechte. So hatten sie die Investitur im nahen Muschenheim und das Patronat über mehrere Pfarrkirchen der Gegend inne. Zudem bestätigte eine von Kardinal Basilius Bessarion 1461 ausgestellte Urkunde, dass die Kirchen in Grüningen, Muschenheim, Trais-Münzenberg, Birklar, Bettenhausen, Wickstadt, Holzheim und Eberstadt dem Kloster inkorporiert waren. Außerdem übten die Arnsburger die Aufsicht über sechs andere Zisterzienserinnenklöster aus.

 

Einnahmen aus dem Ablasshandel und indirekte Einkünfte durch vom Kaiser oder dem hessischen Landgrafen eingeräumte Steuer- und Zollfreiheit gehörten zu den Privilegien ebenso, wie die bereits von Papst Hadrian bewilligte und später mehrfach bestätigte Zehntfreiheit für diejenigen Güter, die das Kloster selbst bestellte. Untermauert wurde die rechtliche Stellung des Klosters durch das Erlangen der Unabhängigkeit vom Diözesanbischof (Exemtion), dem es anfänglich unterstellt war.

 

 

 

Kloster und Stifterfamilie

 

Hatte die Stifterfamilie um Kuno I. noch dem Verzicht auf Vogteirechte gegenüber dem Kloster zugestimmt, sahen ihre Erben darin zunehmend eine Beschneidung ihrer Rechte und versuchten, letztlich mit Erfolg, sie geltend zu machen. Nach den Münzenbergern stritten deren Erben, die Herren von Falkenstein-Eppstein und nachfolgend die Grafen von Solms um die Privilegien, Gerichtstage im Kloster abzuhalten und die Gerichtsbarkeit über den mit dem Kloster verbundenen Ablassmarkt auszuüben. Sie entsandten Bevollmächtigte zu den Abtswahlen und hatten Einlager und Atzung. 1541 und 1542 kam es aufgrund offensichtlicher Missstände und dem durch die Reformation ausgeübten Druck in Arnsburg zu Vereinbarungen zwischen dem Kloster und den Solmser Grafen, die diesen erheblichen Einfluss auf die Finanzverwaltung und sogar auf die Lebensführung von Abt und Mönchen einräumten.

 

Als die Licher Linie der Solmser sich 1562 der Reformation anschlossen, versuchten sie, zunächst nicht erfolglos, das Kloster wie sein Umland dem lutherischen Glauben zuzuführen. Der Gedanke an eine Reform der Kirche in Arnsburg stieß nicht von vornherein auf Ablehnung: 1581 wurde der Arnsburger Mönch Heinrich Jung evangelischer Pfarrer in Freienseen.

 

Die Solmser Reformationsbestrebungen riefen selbstverständlich das Erzbistum Mainz auf den Plan. Es entbrannte ein erbitterter Streit, in den unter anderen Abt Robert Kolb I. 1687 und 1694 mit seinen Streitschriften vom kämpfenden Adler (Aquila certans pro immunitate und Laurea aquilae certantis) eingriff. Dies nahm die katholische Seite zum Anlass, die alten Ordensprivilegien einzufordern und sich von der protestantischen Landesherrschaft unabhängig zu machen. 1715 entschied der Reichshofrat in Wien zwar zugunsten des Klosters, doch ständiger Einspruch der Gegenpartei ließ den Prozess nie zum Abschluss kommen. Die Aufhebung des Klosters im Jahre 1803 kam einem Urteil zuvor. Sieger blieben letztlich die Nachfolger der Stifterfamilie, denen das Kloster zufiel und die es heute noch besitzen.

 

 

 

Äußere Wirren

 

Arnsburg blieb von politischen und kriegerischen Ereignissen nicht verschont. So beschlagnahmte Erzbischof Johann I. von Nassau während der Kämpfe zwischen Hessen und Mainz 1406 kurzerhand die Arnsburger Besitzungen in der Wetterau, im Rheingau und am Main, belegte das Kloster mit dem Bann und drohte mit seiner Zerstörung. Verhindert hat dies der Trierer Oberhirte Werner von Falkenstein, der 400 Mann als Schutzwache nach Arnsburg verlegte. Bei diesen Auseinandersetzungen brannten laut Arnsburger Niederschriften 26 Höfe nieder, und der Schaden wurde auf nicht weniger als 73000 Gulden beziffert[11]. 1489 mussten die Zisterzienser deshalb bei den Grünberger Antonitern Geld zum Wiederaufbau und zur Schuldentilgung aufnehmen.

 

Schlimm traf es das Kloster im Dreißigjährigen Krieg. Schon 1623 vernichteten protestantische Bauern die Heiligkreuzkapelle, die die Zisterzienser in den Ruinen der alten Burg Arnsburg errichtet hatten. Abt Wendelin Fabri (1616-1631) ließ das Kreuz der Kapelle in die Klosterkirche überführen. Dieses Kruzifix, das an Ketten im Mittelschiff der Klosterkirche aufgehängt worden war, zerschlug 1631 ein Bauer aus Eberstadt [12]. Abt Wendelin Fabri ließ in der Kirche eine Heiligkreuzkapelle einrichten, nahe der er 1631 bestattet wurde[13].

 

Vor den 1631 anrückenden schwedischen Truppen flüchteten die Mönche mit Abt Johann Adam Will nach Clairvaux. Erst 1634 konnten sie zurückkehren. Inzwischen hatten sich hier die Schweden und ihre solmsischen Alliierten niedergelassen. Die Bilanz war katastrophal: Ein Teil des Inventars, darunter die Orgel, war nach Lich gebracht worden.

 

Nicht nur war die Kirche ausgeräumt und ihre Altäre zerstört, sondern auch die Dächer von Kirche und Dormitorium abgebrochen. Der Kreuzgang und alle Wirtschaftsgebäude wiesen Beschädigungen auf. 1672, vierzig Jahre nach den Zerstörungen, konnte erstmals wieder ein Gottesdienst in der Paradies genannten Vorhalle der Kirche abgehalten werden.

Der österreichische Erbfolgekriege und besonders der Siebenjährige Krieg brachte um 1759 in der Amtszeit des Abtes Peter Schmitt (1746-1772) neue Probleme: „Dreimal wurde das Kloster von fouragierenden Soldaten schwer heimgesucht; fünfmal war der Abt gezwungen, das Kloster zu verlassen und sein Heil in der Flucht zu suchen; für acht verschleppte Mönche musste er dreimal hohes Lösegeld zahlen[14].“

 

Allen Wirren zum Trotz begann in dieser Zeit unter den Äbten Robert I. Kolb, Antonius Antoni, Peter Schmitt und Bernhard Birkenstock der barocke Ausbau des Klosters mit dem Prälaten- und dem Küchenbau, dem Pforten- und dem Gartenhaus.

 

 

 

Innere Konflikte

 

Das von den Zisterziensern praktizierte Konversen-Institut, also die Einbindung von Laienbrüdern in das klösterliche Leben, brachte zwar einerseits wirtschaftlichen Erfolg, führte aber andererseits auch zu massiven Konflikten zwischen den Gruppierungen. Bereits 1240 gab es in Arnsburg einen Aufstand der Konversen, da sie sich benachteiligt fühlten. Die Laienbrüder, von denen es mehr im Kloster gab als Mönche, waren unzufrieden mit der Behandlung, der Kleidung und dem Essen.

 

Bis Ende des 17. Jahrhunderts entfernten sich die Mönche weit von der ursprünglichen zisterziensischen Askese. Das Wohlleben mit Jagdausflügen, Wein und Frauen erreichte unter Abt Georg Heyl (1663-69) seine extremste Phase, die aber nicht lange anhielt. Mit der Ernennung von Robert I. Kolb zum Abt (1673-1701) endeten diese Exzesse. Er schaffte es nicht nur, die Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges zu beseitigen, sondern auch die monastische Disziplin wieder herzustellen. Auch Abt Conrad Eiff (1708-1714) leitete den Orden streng nach zisterziensischen Regeln und Abt Peter Schmitt (1746-1772) entwarf zur Hebung des Glaubenseifers eine Exerzitienmethode.[15]

 

 

 

Bibliothek

 

Die bis zum Dreißigjährigen Krieg angewachsene Klosterbibliothek wurde in dessen Verlauf fast völlig vernichtet und nach 1648 in relativ kurzer Zeit wieder aufgebaut. Der Katalog von 1708 führte bereits wieder 2100 Bücher und 1784 war der Bestand auf rund 15000 Bände angewachsen. Dies war vorrangig den beiden Äbten Peter Schmitt und Bernhard Birkenstock zu verdanken, die nicht nur als Bauherren in Erscheinung traten, sondern auch die Arnsburger Klosterbibliothek nachhaltig förderten.

 

Die in sechs Sektionen aufgeteilte Bibliothek enthielt in Sektion I Werke über das Klosterleben wie die Zisterzienser-Regel, die Vita des Bernhard von Clairvaux, Regel-Konkordanzen und Heiligenleben, in Sektion II theologische Texte wie das Alte Testament in hebräischer Sprache, das Neue Testament auf griechisch, den Koran im Urtext und in der Übersetzung und Schriften der Kirchenväter, in Sektion III die Kirchen- und Ordensgeschichte, in Sektion IV philosophische Werke zum Beispiel von Leibniz, John Locke und Autoren der Französischen Aufklärung, in Sektion V allgemeine Literatur, unter anderen eine Beschreibung Asiens und schließlich in Sektion VI Bücher, die aus dem Kloster Arnsburg hervorgegangen waren.

 

 

 

Ende des Klosters

 

Die territoriale Neuordnung, die mit dem Reichsdeputationshauptschluss einher ging, bedeute das Ende des Klosters. Im Zuge der Säkularisierung wurde es 1803 aufgehoben und dem Hause Solms übergeben. Der seit 1799 amtierende Abt Alexander Weitzel hatte das Kloster zu verlassen. Er starb 1819 in seiner Heimatgemeinde Rockenberg.

 

Die Solmser teilten ihren neuen Besitz, den sie als Entschädigung für verlorene linksrheinische Besitzungen erhalten hatten, in am 10. November 1802 und am 27. März 1804 geschlossenen Verträgen unter den Linien Solms-Braunfels, Solms-Hohensolms-Lich, Solms-Rödelheim und Solms-Laubach auf. Letztere Linie erhielt das Kloster Arnsburg mit 5400 Morgen Land zugesprochen. Mit dem Wechsel der Verwaltung wurde Arnsburg lutherisch und zunächst bis 1815 von der Pfarrei Gonterskirchen, dann bis 1859 von der Pfarrei Wohnbach betreut.

 

Auch ein großer Teil des Inventars wurde aus dem Kloster geschafft: Solms-Laubach erhielt die Klosterbibliothek und eine byzantinische Kamee aus dem 12. Jahrhundert[16]. In die Licher Marienstiftskirche, in der sich bereits seit dem 17. Jahrhundert die Arnsburger Orgel befand, brachte man die reiche Rokoko-Kanzel aus Lindenholz. Der barocke Hochaltar fand, den neuen räumlichen Verhältnissen angepasst, seinen Platz in der katholischen Pfarrkirche St. Georg in Mainz-Kastel. Einige liturgische Gewänder, die Monstranz und der Goldkelch gingen nach Rockenberg und Erbach im Rheingau. Auch Grabsteine wurden entfernt oder als Ablauf vor Brunnentrögen umgearbeitet.

 

Zwischen 1803 und 1811 wurde ein Teil der Klostergebäude als Zucht-, Arbeits- und Irrenhaus genutzt, nach dessen Aufgabe die neuen Herren über Kloster Arnsburg eine Entscheidung trafen, deren Folgen sich bald als weitaus verheerender herausstellen sollten, als die Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs: Sie verkauften einen Teil der Gebäude auf Abbruch. Bereits 1818 stürzten Dächer und Gewölbe der Kirche ein und auch der Kreuzgang sowie der barocke Konvent mit dem Bibliotheksbau fiel der Spitzhacke zum Opfer. Immerhin baute man ihn, zwar um ein Stockwerk reduziert, im nahen Birklar als Kirche wieder auf. Prälaten- und Küchenbau, Gartenhaus, Bursenbau und die meisten Wirtschaftsgebäude blieben erhalten und dienten den Grafen zu Solms-Laubach und anderen zeitweise als Wohnung.

 

Der Rentamtmann Christian Wilhelm Fabricius lebte von 1804 bis zu seinem Tod 1877 in Arnsburg und fertigte bis unmittelbar vor Beginn der Abbrucharbeiten 1811 mehrere Zeichnungen des Klosters an, die es ermöglichen, seinen Zustand vor den Zerstörungen zu erkennen.

 

1847 zog in das Gartenhaus und ab 1877 auch in den Bursenbau das Rettungshaus für verwahrloste Mädchen ein. Dieser Einrichtung folgten 1944 vorübergehend die Gießener Universitäts-Frauenklinik und von 1957 bis 1961 ein Kinderheim, dann für kurze Zeit ein Altenheim. Der frühgotische Kapitelsaal und die Kirchenvorhalle (Paradies) wurden als Schafstall genutzt, und noch bis in die 1950er Jahre diente das seiner Gewölbe beraubte Kreuzganggelände als Holzstapelplatz und Obstgarten.

 

 

 

Liste der Äbte

(soweit bekannt)

 

 

•           Gerhard (1174)

•           Mengot (1197)

•           Johann (1317-1319)[17]

•           Rudolph (1418)[18]

•           Wendelin Fabri (1616-1631)

•           Johann Adam Will (1631-1663)

•           Georg Heyl (1663-1669)

•           Robert Kolb (1673-1701)

•           Conrad Eiff (1708-1714)

•           Antonius Antoni (1714-1746)

•           Peter Schmitt (1746-1772)

•           Bernhard Birkenstock (1772-1799)

•           Alexander Weitzel (1799-1803)

 

 

Anmerkungen

 

1.         ↑ Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen, Friedberg, 1. Jahrg., S.95 f, 1834

2.         ↑ Jost, Reichsministerialen.

3.         ↑ Jost, Burgruine

4.         ↑ Heinemeyer, S. 171

5.         ↑ Ebel in Walbe, S. 9

6.         ↑ Kiesow, S. 235

7.         ↑ Vgl.: Münzenberger Erbschaft

8.         ↑ Heinemeyer, S. 172

9.         ↑ Küther, S. 74

10.       ↑ Ebel in Walbe, S. 4f

11.       ↑ Ebel in Walbe, S. 9

12.       ↑ Noehte-Lind, S. 11

13.       ↑ Noehte-Lind, S. 57

14.       ↑ Noehte-Lind, S. 68

15.       ↑ Noehte-Lind, S. 52, 64, 67

 

 

Literatur

 

Günther Binding, Matthias Untermann: Kleine Kunstgeschichte der mittelalterlichen Ordensbaukunst in Deutschland'. 1985.

 

Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen. München 1982.

 

Carl Ebel: Geschichte des Klosters Arnsburg in der Wetterau in Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins - Neue Folge 4, Band 1892.

 

Hans Ernte: Verstreutes Gut aus Kloster Arnsburg. In: Hessische Heimat Nr. 1/12.01.1966.

 

Wilhelm Haffke: Der Kriegsopferfriedhof in Kloster Arnsburg. In: Zschietzschmann (Hrsg.), 800 Jahre Kloster Arnsburg: 1174 – 1974. Lich, 1974.

 

Walter Heinemeyer (Hsg.): Das Werden Hessens, Veröffentlichungen der Historischen kommission für Hessen Nr. 50, Marburg 1986 

 

Otto Gärtner: Kloster Arnsburg in der Wetterau - Seine Geschichte - seine Bauten. Fotos von Helmut Lindloff. Hgg. vom Freundeskreis Arnsburg e.V. 3., durchgesehene Auflage Königstein i. Ts. 1998 (= Die Blauen Bücher). ISBN 3-7845-4052-X

 

Bettina Jost, Burgruine Münzenberg – Adelsburg der Stauferzeit. Hrsg.: Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen. Führungsheft 9. Regensburg 2000.

 

Bettina Jost, Die Reichsministerialen von Münzenberg als Bauherren in der Wetterau im 12. Jahrhundert. Köln 1995.

 

Gottfried Kiesow: Romanik in Hessen. Stuttgart 1984.

 

Waldemar Küther: Das Kloster Arnsburg in der deutschen und hessischen Geschichte = Cistercienser Chronik N. F. 81. 1974.

 

Martin Morkramer: Das Grabmal Linden-Bellersheim. In Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, Neue Folge 67.

 

Simone Noehte-Lind: Aus der Geschichte des Klosters Arnsburg. In: Zschietzschmann (Hrsg.), 800 Jahre Kloster Arnsburg: 1174 – 1974. Lich 1974.

 

Heinrich Walbe: Kloster Arnsburg mit Altenburg - Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen Band 2; geschichtlicher Teil von Carl Ebel, Anhang von Nikolaus Kindlinger Verzeichnis der Grabdenkmäler im Kloster arnsburg, Darmstadt 1919.

 

Wilhelm Wagner: Die vormaligen geistlichen Stifte im Großherzogtum Hessen. Bd. 1, Darmstadt 1873.

 

Peter Weyrauch: Die geistliche Versorgung Arnsburgs nach 1803 und sein Paradies als Evangelische Kirche. In Zschietzschmann (Hrsg.), 800 Jahre Kloster Arnsburg: 1174 – 1974. Lich 1974.

 

Ebergard Wieser: Reisen in die Vergangenheit – Schiffenberg, Münzenberg, Arnsburg und die Zeit vom Investiturstreit bis zum Ersten Weltkrieg, Gardez!-Verlag Remscheid 2006, ISBN 3-89796-179-2