Das Zisterzienserkloster Pilis im Donauknie

Hans Jakob Ollig, Manuskript für Cistopedia, Mai 2007

 

Das Zisterzienserkloster Pilis im Donauknie/Ungarn

 

Die von Westen nach Osten fließende Donau, dringt bei Esztergom in eine wildromantische  Berglandschaft ein, wo sie sich einen Durchbruch geschaffen hat. Nach mehreren kleinen Biegungen wendet sich der Fluss fast in rechtem Winkel von Norden nach Süden. In diesem Knie befinden sich das Visegráder und das Pilis Gebirge, eine reizvolle Landschaft ganz in der Nähe der Hauptstadt Budapest.  Diese Landschaft, Donauknie (Dunakanyar) genannt, ist ein uralter menschlicher Kulturraum. Hier war ein wichtiger Umschlagplatz zwischen Byzanz und dem römischen Reich, und  es waren  günstige Bedingungen für Markt und Stadtentwicklung gegeben. Es ist kein Zufall, dass sich hier die ersten Zentren der ungarischen Politik, Wirtschaft und Kultur entwickeln konnten. Die Burg Visegrád, die königlichen Städte: Esztergom (Gran), Székesfehérvár, (Stuhlweißenburg) und Óbuda (Buda-Pest) lagen rund um die königlichen Wälder von Pilis im Donauknie. Hier war  auch ein königliches Jagdgebiet, und noch heute wird hier die Jagd gepflegt. Es ist verständlich,  dass in der Nähe dieser Zentren der Macht auch Klöster entstanden.

 

König Béla III. (1172-1196) verbreitete den Orden sehr stark in Ungarn. Der am Hofe von Byzanz erzogene König war in erster Ehe mit der Französin Anna von Chatillon verheiratet. So kam französische Kultur unmittelbar an den ungarischen Hof, wobei der neue französische Zisterzienserorden ein starker Vermittler wurde. Der Zisterzienserorden beeinflusste in damaliger Zeit das Leben  in Europa stark. Es gab beim Tode Bernhards von Clairvaux  1153  in Europa 343 Zisterzienserklöster.

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So ist es auch verständlich, dass die ungarischen Könige bestrebt waren, sich die Gründerkonvente direkt aus Frankreich zu holen. Als Höhepunkt der Entwicklung erschienen 1183 Petrus, Abt von Citeaux, Wicelo, Abt von Pairis (Elsaß), Prior Wilhelm und die Mönche Petrus und Servius von Citeaux am Hofe König Béla III. Der König stellte ihnen eine Urkunde aus, demzufolge jedes Kloster des Ordens in Ungarn die gleichen Freiheiten zustanden wie in Frankreich.

 

So gründete Béla III. 1184 das Kloster Pilis im Pilisgebirge. Der Gründerkonvent kam aus Acey in Frankreich. Das Kloster lag in nächster Nähe seiner Residenz Esztergom. Zwei Jahre später heiratete der König Margarete, die Tochter König Ludwigs VII. von Frankreich. Die Königin brachte den Glanz der westeuropäischen Höfe nach Ungarn, und man darf annehmen, dass sie enge Beziehungen zu den Mönchen von Pilis unterhielt, waren sie ja nur  ca. 20 km von ihrem Palast in Esztergom entfernt. Dort wurde in dieser Zeit auch an einem glänzenden Königspalast weitergebaut, wo zum Teil die gleichen Handwerker wie im Pilis Kloster arbeiteten.

 

Spätestens zu Beginn des 11. Jh. bestand in Pilis schon ein Benediktinerkloster mit einem Dorf, etwa 2 km vom heutigen Ort Pilisszentkereszt entfernt.  In der ungarischen Kirchengeschichte finden sich keine Angaben über dieses Benediktinerkloster. Man weiß wohl, dass das Kloster Pilis, welches der König  stiftete, ursprünglich benediktinisch war. Das wurde auch bei den Ausgrabungen bestätigt. Die Zisterzienser übernahmen 1184 die Gebäude. Sie benutzten, wie üblich, die Klosterbauten ihrer Vorgänger und bauten nach ihren Maßstäben radikal um.  Die Zisterzienser siedelten die Dorfbevölkerung um, und so hörte das Dorf um das Benediktinerkloster mit der Gründung des Zisterzienserklosters auf zu existieren.

 

Die Bedeutung von Pilis nahm Anfang des 13. Jh. stark zu. Das zeigen die Größe der ausgegrabenen Baureste und die Entwicklungsstufe der Wirtschaftsbauten. Auch hatte das Kloster bedeutende Zolleinnahmen zu Wasser und zu Lande. Eine der wichtigsten  war die von Pozsony (heute: Bratislawa). Zwei Drittel dieses Zolls gingen an die mächtige Benediktinerabtei St.Martin (Pannonhalma) und an Pilis. Eine weitere Quelle waren zwei Drittel des Zolls von Györ, den man sich mit der Zisterzienserabtei Zirc teilen musste.

 

Die Abtei konnte drei Tochtergründungen hervorbringen, 1190 Pásztó, 1232 Bélháromkút   und 1263 Ábrahàm (Dombovár), was nur mit einer großen Zahl von Mönchen im Mutterkloster möglich ist.

 

Der Bau des Klosters Pilis und der des Königspalastes zu Esztergom  fallen zeitlich in die Entwicklung frühgotischer Bauten in Ungarn. Pilis wurde 1184 gegründet. Die Weihe der Kirche erfolgte um 1233, denn 1236 wird eine jährliche Salzspende von König Andreas II. (1205-1235) aus Anlass der Kirchweihe von Papst Gregor IX. bestätigt. Der Abt von Acey besuchte 1199 das Kloster von Pilis.

 

1213 wurde die Gemahlin von König Andreas II., Gertrud von Andechs-Meran, in den Wäldern des Pilisgebirges bei einer Jagd von ungarischen Edelleuten ermordet. Grund dafür war die Empörung ungarischer Adeliger über die Vergabe königlicher Ländereien an ausländische Günstlinge aus dem Kreise der Königin Gertrud. Die Königin wurde im Kloster Pilis beigesetzt. Urkunden ihres Sohnes Béla IV. (1235-1270) bezeugen das. Das Hochgrab wurde bei Ausgrabungen gefunden.

 

In einem Drama von József Katona  und der Musik von Ferenc Erkel wurden diese  Begebenheiten zu der romantischen Oper „Bánk Bán“ verarbeitet. Die Oper erlebte 1861 ihre Uraufführung und wurde  mit der ungarischen Nationalbewegung um die Jahrhundertwende schnell  bekannt und geschätzt. Sie gilt heute als ungarische Nationaloper.

 

1225 spendete König Andreas II. für die Abtei Acey (Mutterkloster) 20 Mark Silber, um seine Zufriedenheit und seinen Dank zu zeigen.

 

Der Abt von Pilis hatte auch das Visitationsrecht über das Frauenkloster von Veszprémvölgy, das sich von den wenigen ungarischen Zisterzienserinnenklöster am längsten halten konnte.

 

Der Tatareneinfall (1241-42) hat die frisch gegründete Organisationen sehr stark getroffen, auch das Kloster Pilis wurde verwüstet. Die feste Organisation des Ordens ermöglichte es aber, dass sich die Klöster erholen konnten. In den späteren Jahrhunderten des Mittelalters hat das Fehlen der Brüder-Mönche in den Klöstern diese sehr geschwächt. 

 

1356  bekam Pilis personelle Stärkung aus Frankreich. Bis ins 13. Jh. besuchten die  ungarischen Äbte regelmäßig die Generalkapitel. Bald aber bekamen sie die Erlaubnis, wegen der großen Entfernung nur alle drei Jahre zu erscheinen. Schon 1274 bekamen andere Äbte den Auftrag, die Klöster in Ungarn zu visitieren und zu reformieren, unter anderem auch der Abt von Pilis.  Die Verbindung nach Frankreich hat das Kloster bis ins 14. Jh. erhalten können. 1356 bekam Pilis einen Abt aus Heiligenkreuz (Österreich). 1480 sandten deutsche Äbte auf  bitten von König Matthias und nach Aufforderung des Generalkapitels Mönche nach Ungarn, um die Lücken zu füllen, so auch nach Pilis. 

 

Als die Ungarn 1526 die Schlacht bei Mohács gegen die Türken verloren und die türkische Streitmacht gegen Buda zog, wurde Pilis geplündert und niedergebrannt. Die Plünderungen gingen durch mehrere Jahrhunderte, die türkischen Soldaten hatten da reiche Erfahrung. Die Steine wurden für Festungsbauten (Esztergom) verwendet, und noch bis ins 20.Jh. dienten die Klostermauern als Steinbruch. Nach Abzug der Türken wurde ein Hof-Gut von Pilis wieder hergestellt (1712), nicht aber die Klosteranlage. Nur wenige Urkunden haben die Zeiten überstanden, in der Mitte des 16. Jh. waren die Zisterzienserklöster in Ungarn praktisch nicht mehr existent.

 

Anfang des 18. Jh. waren Pauliner-Mönche  der irrtümlichen Meinung, in Pilis ihr Kloster Keresztur gefunden zu haben, und siedelten neben den Ruinen slowakische Bevölkerung an. So entstand in ca. 2 km Entfernung vom Kloster das Dorf Pilisszentkereszt. Vom Kloster Pilis waren nur noch die Grundmauern erhalten.

 

Die ersten Grabungen fanden 1913 statt, brachten aber kaum Erkenntnisse. Man erkannte die Bedeutung des Ortes für die Kunstgeschichte nicht. 1967/71 durchgeführte Ausgrabungen legten die Grundmauern des Klosters frei, und es konnten wertvolle Gegenstände geborgen werden. Die dreischiffige Kirche war 56,8 m lang, den östlichen Abschluss bildeten je 2 Chorkapellen. In der Vierung hat sich wohl ein achteckiger Dachreiter befunden, worauf die tiefen und breiten Fundamente der Vierungspfeiler schließen lassen. Das Dach bestand aus Biberschwanzziegeln, der First war mit Kugeln geschmückt. An der Südseite der Kirche schloss sich der rechteckige Kreuzgang an, um den herum sich die Konventsgebäude gruppierten.  

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Nordöstlich vom Kloster schlossen sich vier Höfe und das Torhaus an, wobei man annimmt, dass der erste, am Kloster gelegene Hof noch zum Klausurbereich gehörte. Im vierten Hof lagen die Räume und weitere Räumlichkeiten für Personal und Gäste sowie Wagenschuppen und Ställe. Der dritte und fünfte Hof sind noch nicht freigelegt. Es wurden eine Mühle und verschiedene Werkstätten betrieben, das Mühlrad hatte einen Durchmesser von 3m und drehte sich in einem 6m tiefen Schacht.

 

Es befanden sich in den Wirtschaftsgebäuden auch Einrichtungen zur Verhüttung von Eisenerz.

 

Zur Wasserversorgung  sammelte man das Wasser einiger höher gelegenen Quellen in einem künstlich angelegten Teich und verteilte es mit übereinander gelegten, ausgehöhlten Steinen, später dann mit ineinander gesteckten Steinrohren dorthin, wo es benötigt wurde. Man findet ähnliche Wasserleitungssysteme in Ungarn auch in königlichen Palästen und Burgen, die in Pilis ist eine der ältesten und höchst entwickelten dieser Art und wartet noch auf genauere Erforschung.

Von den Wirtschaftsteilen des Klosters ist wenig freigelegt. Das wäre wichtig für die Erforschung der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte der Klöster überhaupt. Man beschränkt sich bei den Ausgrabungen meist auf das Zentrum der Klostergebäude, die um den Kreuzgang liegen. Zum Gesamtleben eines Klosters gehören aber auch die Wirtschaftsgebäude und Höfe. So steht auch in Pilis, einem der bedeutendsten Zisterzienserklöster in Ungarn, noch viel Arbeit an.

 

Die Klosterruinen (Klastrom-Kert) erreicht man auf einem Feldweg vom Ort Pilisszentkereszt entlang des Bachs Dera zu Fuß in ca. 30 Minuten. Der Klausurbereich  ist am  Baumbewuchs noch gut zu erkennen, innerhalb des Ruinenfelds sind die Ausgrabungen teilweise mit der Zeit wieder überwachsen. Die abgedeckten Pfeilersockel der Klosterkirche geben gute Orientierung. Im Ort, am Kulturhaus sind noch Stücke des mittelalterlichen Klosters zu sehen.                            

 

Mai 2007, Hans Jakob Ollig

                                                                                           

 

 

Literatur:

 

L.Gerevich

„Ausgrabungen in der ungarischen Zisterzienserabtei  Pilis“ in:  Analecta Cisterciensia (AC) 1983

 

Gyula Christo

“Die Arpaden-Dynastie“, Corvina Verlag/Budapest 1993

 

T.v. Bogyay

 „Grundzüge der Geschichte Ungarns,“Darmstadt 1967

 

Dr. Remigius Bekefi OCist

„Geschichte des Zisterzienserordens in Ungarn“, in Cistercienser-Chronik 12.Jahrg. Jan. 1900 ff.

 

Ilona Valter

„Sprechende Mauern“, Die Erforschung der Zisterzienserklöster in Ungarn.  in: „800 Jahre Zisterzienser im Pannonischem Raum“ Klostermarienberg 1996

 

F. L. Hervay OCist

„Die Geschichte der Zisterzienser in Ungarn“, in: „800 Jahre Zisterzienser im Pannonischem Raum“ Klostermarienberg 1996

 

F. L. Hervay

„ Ciszterciek“, Mikes Kiado Budapest 1997